Digitales Lernen – Teil II

Handschriftlich oder digital?
Bei der Vorlesung u.ä. ist es für Verständnis und Gedächtnis förderlicher, mitzuschreiben statt mitzutippen. Quelle: trnd.com

Im Beitrag vergangener Woche haben wir das Thema „Lernen in einer digitalen Welt – Chancen und Hürden im Studium“ angerissen und 14 Thesen stichwortartig vorgestellt. Diese werden im folgenden und anschließenden Beiträgen näher erläutert.

These 1: Durch die Digitalisierung lernen wir nur oberflächlich

Stimmt. Durch den schnellen und leichten Zugang zu Informationen schätzten laut einer Untersuchung ein Drittel von Schülern ihre Lernkompetenzen besser ein als bei Personen, die ohne Internet aufgewachsen sind. Doch nach anderen Studien schätzten wiederum zwei Drittel der Befragten ihre Kompetenzen geringer ein und begründeten dies mit .einem eher oberflächlichen Lernen und einer „Copy and paste“-Mentalität. Die Recherchen im Internet von Studierenden etwa verlaufen eher schnell und oberflächlich nach dem „get in, get the answer, get out“-Ansatz. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema bleibt dann meist auf der Strecke, welche jedoch bekanntlich die unverzichtbare Grundlage ist, um einen Sachverhalt zu verstehen und somit das Ziel des Lernaufwandes zu erreichen.

These 2: Digitale Lernkonzepte fördern das Selbstmanagement

Stimmt nicht unbedingt. Die Vielfalt der digitalen Lernangebote reicht von reinen Online-Studiengängen bis zum gelegentlichen Einsatz von digitalen Lerninhalten in sonst reinen Präsenzveranstaltungen. Deshalb kann eine generalisierte Aussage somit nicht stehen gelassen werden. Denn ob analog oder digital – grundsätzlich erfordern Selbstlernkonzepte durch die zeitliche Flexibilität ein hohes Maß an Selbstorganisation. Außerdem kann die Bearbeitung der stets verfügbaren Materialien jederzeit auf später verschoben werden.

These 3: Handgeschriebenes merkt man sich besser als Getipptes

Stimmt. Tatsächlich kann man sich Handgeschriebenes besser merken und es bleibt länger im Gedächtnis. Denn beim Tippen neigen wir dazu, das Gehörte (etwa in einer Vorlesung) wortwörtlich mitzuschreiben. Das Schreiben mit der Hand dauert länger. Dies zwingt dazu, die gehörten Informationen zu filtern und in eigenen Worten aufzuschreiben. Und dies wiederum setzt Verstehen und Verarbeiten voraus. Eine Tastatur verleitet offenbar dazu, mehr mitzuschreiben und weniger nachzudenken. So versteht und merkt man sich weniger. Außerdem wird bei handschriftlichen Notizen das motorische Gedächtnis angesprochen. D.h., dass das Geschriebene nicht nur gesehen, sondern überdies gefühlt wird durch die Bewegung mit Arm und Hand. Das hat Vorteile z.B. in Prüfungen, in denen oft das Wissen handschriftlich wiedergegeben werden soll. Denn es fällt leichter, etwas zu schreiben, was man schon einmal geschrieben hat.

These 4: Gaming fördert Multitaskingfähigkeiten

Stimmt nicht, schon allein wegen zwei Mythen: a) Multitasking als Synonym für hohe Produktivität, b) Computerspiele fördern durch die Komplexität Multitasking. Doch aus neurobiologischer Sicht gibt es Multitasking nicht. Denn das menschliche Gehirn kann seinen Fokus stets auf nur eine komplexe Tätigkeit legen. Anders verhält es sich bei Automatismen wie Autofahren und Essen, Treppensteigen und Quasseln u.ä., die  gleichzeitig ausgeführt werden können. Wer aber mehrere, nicht automatisierte Aufgaben gleichzeitig bearbeitet, zwingt seine Aufmerksamkeit zu einem ständigen Hin- und Herspringen. Bewusste Aufmerksamkeit ist nicht teilbar. Und durch das ständige Hin- und Herschalten wird Produktivität eingebüßt. Durch jeden Gedankenwechsel geht Zeit für die Neuorientierung verloren. Bis zu einem gewissen Grade kann das Umschalten zwischen Aufgaben durch Training verbessert werden, aber es wird nie den Stand der Aufmerksamkeit erreichen wie bei der Konzentration auf eine Aufgabe.

Weitere Thesen folgen in den kommenden Beiträgen!

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