Kommunikation und Information zu Pandemie-Zeiten – ein Pfingstwunder?

Bedrohliches und Erhellendes liegen oft nah beieinander – auch und gerade zu Corona-Zeiten. Foto: @picture-alliance/dpa

Vergangenes Wochenende feierten Christen das Pfingstfest. Es ist das Fest des Heiligen Geistes und der „Geburtstag“ der Kirche. Laut Bibel trafen sich die Anhänger Jesus Christus sieben Wochen nach seinem Tod wieder in Jerusalem. Sie sprachen plötzlich in verschiedenen Sprachen, um nach Gottes Auftrag sein Wort zu allen Völkern zu bringen. Übertragen gedenken Christen des Wunders der Gemeinschaft und grenzenlosen Kommunikation, die Menschen Mut machen und sie bereichern. In Zeiten der Corona-Pandemie gewinnt dies besondere Bedeutung, die Fluch und Segen zugleich sein kann.

Die Menschen – so die biblische Geschichte – waren höchst erstaunt darüber, dass jeder sie in seiner Muttersprache verstehen konnte. Und so heißt es in der Apostelgeschichte: „Alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam.“

Verlässliche Informationen für Menschen rund um den Globus wichtiger denn je

Derzeitig sind wir diesem Pfingstwunder näher denn je. Übersetzungsprogramme und Künstliche Intelligenz überwinden Sprachbarrieren, und eine weltweite Kommunikation in Echtzeit ermöglichen Internet und Soziale Netzwerke. Ermöglichen diese Errungenschaften deshalb auch eine globale Gemeinschaft und haben wir „alles gemeinsam“?

Die Antwort darauf fällt gespalten aus, denn gerade während der Corona-Pandemie zeigen sich tiefe Widersprüche bezüglich verlässlicher Informationen. Gerade jetzt sind die Menschen weltweit auf glaubwürdige Informationen angewiesen. Und gerade jetzt zeigt sich oft, wie dieses Bedürfnis missachtet wird.

Zwischen um Fakten bemühte Forschung, Populismus und Verschwörungstheorie

Der erste Grund ist sachlicher Natur, denn tagtäglich lernen wir alle über diesen neuartigen Virus hinzu. So geht es auch hochangesehenen Wissenschaftlern, die ihre Aussagen immer wieder revidieren mussten – nicht aus mangelnder Intelligenz oder Täuschungsabsicht, sondern vielmehr, weil sich der Stand der Forschung geändert hat.

Der zweite Grund liegt dramatischerweise an Populisten und Ideologen. So fällt unschwer auf, dass die vier Staaten mit den höchsten Infektionszahlen – USA, Brasilien, Russland und Großbritannien – von populistischen Politikern regiert werden, welche ihren Machterhalt selbst über die Gesundheit und das Leben ihrer Bürger*innen stellen und es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Freund*innen sachlicher Informationen sind darüber hinaus auch nicht die zahlreichen Verschwörungstheoretiker*innen, die nicht müde werden, ihren schockierenden Pamphlete vor allem über die sozialen Netzwerke zu verbreiten.

Pandemie und World Wide Web

Womit der dritte Grund ins Spiel kommt – und damit das moderne Pfingstwunder: Erstmals in der Menschheitsgeschichte trifft eine Pandemie auf eine global vernetzte Öffentlichkeit, die binnen Sekunden unfassbar viele Informationen auf ihren Computern und Smartphones empfängt. Doch die Kluft zwischen der Wichtigkeit eventuell lebensrettender Informationen und des wiederum schwer überprüfbaren Wahrheitsgehaltes ist mitunter immens. Immens auch die entsprechende Verunsicherung vieler Menschen. Und im Gegensatz zur biblischen Pfingstgeschichte geht es den Menschen heute nicht um Glauben, sondern um Wissen. Denn das Wissen steuert das Verhalten, und das Verhalten die Ausbreitung des Virus. 

Die sich verändernden Erkenntnisstände gehören zum Forschungsprozess und lassen sich nicht vermeiden. Doch die massenhaft verbreiteten Lügen und Verschwörungstheorien gilt es aufzudecken und einzudämmen. Hier sind Journalist*innen, Verlage, Medienanstalten ebenso gefordert wie die Betreiber*innen von Sozialen Plattformen. Ein gute Maßnahme hat nun Twitter eingeleitet, indem der Kurznachrichtendienst eine Falschaussage des US-Präsidenten mit einem Warnhinweis versehen hat. Vielleicht ist dies der Anfang der längst fälligen, konsequenten Bereinigung der Sozialen Medien – darunter die weit mächtigeren Netzwerke Facebook und YouTube – von Lügen und Falschaussagen.  Denn Propaganda in Pandemie-Zeiten kann Menschenleben kosten. Dann wird aus einem (Kommunikations-)Wunder ein Fluch.

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