Die „Vergessenskurve“ bringt sich in Erinnerung – Zentrale Skulptur auf künstlerischen Campus-Pfaden

Campus-Kunst, Hochschule Fulda
Kunst auf dem Campus: die „Vergessenskurve“, eine der vielen Kunstobjekte an der Hochschule, veranschaulicht gerade für den ein oder anderen Prüfling in der derzeitigen Prüfungsphase auf plastische Weise, wie Gedächtnis funktioniert. Foto: Wahl

Sie sind nicht zu übersehen: Bronzefarben und glänzend ragen die Kurven der fünf mal fünf Meter großen Skulptur in den Himmel. Studierende, Mitarbeiter*innen, Besucher*innen gehen fast zwangläufig und mitunter mehrmals am Tag auf dem Weg zur Bibliothek, zur Mensa oder ins Student Service Center an dem Kunstwerk vorbei. Wer die Skulptur das erste Mal zu Gesicht bekommt, fragt sich vielleicht noch, was sie zu bedeuten hat, doch für die meisten gehört sie längst zum gewohnten Bild – wie eben so viele der Skulpturen und Gemälde an der Hochschule Fulda. 

„Vergessenskurve“ nannten die beiden argentinischen Künstler Dolores Zinny und Juan Maidagan ihr Werk, als sie es Ende 2013 anlässlich der Fertigstellung des neuen Campus aufstellten. „Wir wollten den Leuten nichts ‚Fertiges‘ vorsetzen, das nur eine Deutung zulässt. Die ‚Vergessenskurve‘ lädt zum Nachdenken ein, wir wollten die Subjektivität des einzelnen Betrachters ansprechen“, erläutert Juan Maidagan das Deutungsspektrum ihres künstlerischen Werkes.

Visuelle Vorstellung von Erinnerung und Vergessen

Die Künstler selbst fühlten sich von der Architektur des Campus inspiriert bzw. von deren historischen Besonderheit: „Als wir diesen Campus zum ersten Mal gesehen haben, wurde uns schnell klar, es muss darum gehen, Vergangenheit hervorzuholen, eine visuelle Vorstellung von Erinnerung zu geben“, erklärt Dolores Zinny. Ihr und Maidagan waren sofort die Bauten aus vier verschiedenen Epochen aufgefallen: die alten Kasernen der Jahrhundertwende, die aus den 30er Jahren, Bauten aus den 70er und 80er Jahren sowie die im Jahr 2013 eingeweihten drei Neubauten (SSC, Mensa, HLB).

Dreidimensionales Koordinatensystem von Gedächtnisarbeit

Erinnern geht einher mit Vergessen, und so stand bei der Inspiration der Psychologe Hermann Ebbinghaus Pate, der 1985 die Hypothese des exponentiellen Vergessens aufstellte. Die Vergessenskurve soll nun den Grad des Vergessens innerhalb einer bestimmten Zeit veranschaulichen. In Form der quasi dreidimensionalen Grafik eines Koordinatensystems steht die waagerechte Achse für die verrinnende Zeit, die Senkrechte für den Grad der Erinnerungsmöglichkeit. Die abfallenden Wellen entsprechen der Dynamik des Erinnerns und des Vergessens. 

Breites Deutungsspektrum je nach Persönlichkeit und Hintergrund

Tatsächlich lässt die Skulptur viel Raum für individuelle Interpretationsfreiheit je nach Persönlichkeit und Hintergrund. Die Künstler selbst dachten zum Beispiel angesichts der ehemaligen Kasernengebäude, wo früher junge Soldaten gedrillt wurden, an Verdrängen und Wiederhochspülen schlimmer Ereignisse. Heute werden in denselben Gebäuden Studierende ausgebildet und die verbinden vielleicht eher – insbesondere in ihren Prüfungsphasen – die „Vergessenskurve“ mit einem anderen spontanen Unbehagen und – möglicherweise – mit der Erinnerung, dass Wiederholen des Lernstoffes eine sinnvolle Maßnahme wider des Vergessens sein könnte. Und wiederum andere wissen erst einmal nicht viel mit dieser Skulptur mitten auf dem Campus anzufangen, sondern passieren das Werk allenfalls mit einem flüchtigen Fragezeichen im Kopf, das sofort wieder in die tiefen Abgründe des Vergessens gerät, weil es nichts zu erinnern gibt.

Damit es aber mehr zu wissen, somit mehr zu vergessen und wieder zu erinnern gibt, lohnt sich nicht nur für Kunstkenner*innen ein bewusster Blick auf die Gemälde, Reliefs, Installationen und Skulpturen, die hier und da auf dem Campus und in den Gebäuden zu finden sind. Deshalb hier ein kleiner, ausgewählter Rundgang:

Zwei gleiche Massen (1992, James Reineking)

Projekt Bindeschuh (Kunst von Menschen mit kognitivem Handicap)

Kopf (Robert Sturm)

Two fixed and two moving lines asymetric (Robert Rickey)

Wortwerk „Alphabet“ (Franz Erhard Walther)

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