Jugend debattiert – spannender Schüler-Wettbewerb geht ins Nordhessenfinale

Kluge Köpfe und heiße Debatten rund um Demokratie und kulturelle Teilhabe

Während die kalte Jahreszeit sich allmählich verabschiedet, laufen Köpfe und Debatten an den Schulen immer heißer. Denn der bundesweite Wettbewerb „Jugend debattiert“ geht nach den Schul- und Regionalentscheiden in die nächste Runde: Ende März findet das Nordhessenfinale an der Richard-Müller-Schule in Fulda statt.

Jugend debattiert in Schule
„Jugend debattiert“ u.a. an der Rabanus-Maurus-Schule Fulda. Foto: RMS

Sachliche Argumente statt unreflektierter Meinungsäußerung

„Schülerinnen und Schüler lernen aufgrund von Sachlagen zu argumentieren – und nicht aufgrund von Gefühlen und Meinungen, die nicht hinterfragt werden“, streicht Gabriele Stadtaus hervor. Die Lehrerin von der Ferdinand-Braun-Schule Fulda ist seitens des Hessischen Kultusministeriums Koordinatorin auf Landesebene und arbeitet eng zusammen mit dem Projektbüro von Jugend debattiert in Frankfurt. Über diese Aufgabe hinaus übernimmt sie gemeinsam mit fünf weiteren Trainer*innen alljährlich Basisschulungen für Lehrer*innen sowie die Jurorenschulungen, die u.a. in den Seminarräumen des Hochschulzentrums Fulda Transfer am Heinrich-von-Bibra-Platz abgehalten werden.

Juroren Jugend debattiert
Die Juro*innen hatten über die Kritierien wie Sachkenntnis, Ausdrucks- und Gesprächsfähigkeit sowie Überzeugungskraft zu entscheiden. Hier im Bild: die Juror*innen der Rabanus-Maurus-Schule Fulda (v.l.) Barbara  Wehner-Gutmann, Pia Heucke und Marcel Zirpins. Foto: RMS

Kultiviertes Debattieren statt Shitstorms und „alternativer Fakten“

In Zeiten wachsenden Populismus‘, Alternativer Fakten, Hassreden und anonymen Shitstorms scheint die Grundidee, junge Leute an das strukturierte, sachliche Denken und Diskutieren heranzuführen, relevanter denn je. In speziellen Unterrichtsreihen ab Klasse 5 lernen Schüler*innen, sich mit aktuellen, teils brisanten gesellschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen, diese zu reflektieren, Argumente Für oder Dagegen zu sammeln und hierzu das Wort zu ergreifen. Zum kultivierten Debattieren gehört ebenso, genau Zuzuhören, auf Gegenargumente einzugehen und gegebenenfalls den eigenen Standpunkt zu modifizieren. Denn hier zählen schlicht die besseren (und nicht die lauteren) Argumente.

Übrigens sollte man den Begriff „Debattieren“ nicht mit „Diskutieren“ verwechseln, denn:

„Diskutieren ist eine andere Form des Diskurses, die Unterscheidung ist für die Schüler wichtig. Debattere (lat). bedeutet zerschlagen, d.h. der Dissens bleibt bestehen, aber das Publikum hat nun die Wahl, sich für die eine oder andere Seite – Pro oder Contra – zu entscheiden. Die Debatte hat eine Erkenntnis, aber keine Bekenntnisfunktion.“

(Gabriele Stadtaus, Landeskoordination Jugend debattiert, Hessisches Kultusministerium) 

Größtes privat-öffentlich finanziertes Projekt unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten

Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass „Jugend debattiert“ das größte privat-öffentlich finanzierte Projekt zur sprachlichen und politischen Bildung in Deutschland ist. Auf Initiative und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehen dem Projekt als Partner (und ursprüngliche Ideengeber vor mehr als 15 Jahren) die Hertie-Stiftung, Robert Bosch Stiftung, Stiftung Mercator und Heinz Nixdorf Stiftung zur Seite. Auch die Kultusministerkonferenz, die Kultusministerien und die Parlamente der Länder sind involviert.

Sprachliche und politische Meinungs- und Persönlichkeitsbildung im Unterricht und Wettbewerb

So wird im Unterricht der weiterführenden Schulen ab den Jahrgangsstufen 5 mit den Schüler*innen systematisch trainiert, wie sie möglichst fundiert und rational Argumentationsstränge entwickeln und (vorläufige) Antworten finden können auf politische und gesellschaftliche Fragen. Ab Jahrgangsstufe 8 ist es für sachlich-orientierte Debattant*innen möglich, am bundesweiten Wettbewerb teilzunehmen, der in zwei Altersgruppen ausgetragen wird (Klassen 8-10 und Jahrgangsstufen 10-13) und jeweils auf Schul-, Regional- und Landesebene (dieses Jahr Mitte April im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt) stattfindet, bevor es für die besten Debattant*innen zum großen Bundesfinale nach Berlin geht.

Jugend debattiert im Unterricht
Dank der Initiative „Jugend debattiert“ hat die Kunst der sachlichen Auseinandersetzung um die überzeugenderen Argumente in deutschen Schulen Einzug gehalten. Quelle: Jugend debattiert_Hertie-Stiftung

Von „Jugend debattiert“ profitieren alle

Doch ob Berlin, Frankfurt, Fulda oder in den jeweiligen Klassenräumen und Aulen der Schulen: Von dem Projekt „Jugend debattiert“ lernen und profitieren letztlich alle. Barbara Kiel etwa, Lehrerin und Projektverantwortliche an der Rabanus-Maurus-Schule Fulda, freut sich ganz besonders über die offensichtlich sehr gute Vorbereitung der bei ihrem Schulentscheid beteiligten 20 Schülerinnen und Schüler:

„Auch wenn die Juroren sich heute für einen Schulsieger bzw. eine Schulsiegerin der jeweiligen Altersgruppen entscheiden mussten, zeigten doch alle Teilnehmer*innen, die sich auf der Aulabühne öffentlich und mutig den Debatten stellten, tolle Leistungen! Sie differenzierten, überzeugten, zeigten Sachkenntnis und beeindruckten durch gute Argumente, überdies durch gute Reaktionen auch auf überraschende Einwände.“

(Barbara Kiel, Lehrerin und Projektverantwortliche an der Rabanus-Maurus-Schule Fulda)

Entdeckung verborgener Talente jenseits des üblichen Lehrplans

Und, ganz wichtig: Nicht wenige Teilnehmer*innen, weist Barbara Kiel auf den übergreifenden Mehrwert jenseits eines standardisierten Lehrplans hin, überraschten jedes Jahr erneut Lehrkräfte, Juror*innen und (Mit-) Schüler*innen durch bis dahin verborgene Talente, Fähigkeiten und Seiten ihrer Persönlichkeit, die sie im üblichen Unterricht nicht zeigen bzw. ausleben könnten. „Wir haben im Zuge von „Jugend debattiert“ oft erlebt, wie einzelne Schülerinnen oder Schüler, die sonst scheinbar so mitlaufen bzw. sich wenig profilieren, im Jugend-debattiert-Projekt aufgegangen und über sich selbst hinausgewachsen sind.“ Und während ihr Blick über die Ströme und Trauben der Schüler*innen schweift, die – sowohl Aktive als auch ihr Publikum – gerade die Veranstaltung verlassen und in den Unterricht zurückkehren, fügt die Lehrerin mit einem Lächeln hinzu: „Wie Kinder und Jugendliche hier Persönlichkeit und Selbstbewusstsein entwickeln, macht einfach Spaß mitzuerleben. Dieser Aspekt ist es auch, der mich jedes Jahr gern die Aufgabe der Organisation übernehmen lässt.“

Barbara Kiel bei Jugend debattiert an der RMS Fulda
„Unsere Debattantinnen und Debattanten haben Mut, Selbstbewusstsein und tolle Leistungen gezeigt“, freut sich Jugend debattiert-Koordinatorin Barbara Kiel von der Rabanus-Maurus-Schule. Foto: RMS

Debattieren als wichtiger Beitrag für Meinungsbildung und Demokratie: auch und gerade für Erwachsene

Was Kinder und Jugendliche im Rahmen von „Jugend debattiert“ lernen, stünde vielen (den meisten?) Erwachsenen auch gut zu Gesicht, nicht nur Politiker*innen. Sachliche, auf fundierte Faktenlage basierende Auseinandersetzungen sind Lösungen aktueller Probleme oder wenigstens einer Konsensfindung bestehender Differenzen bekanntlich dienlicher als unreflektierte, oftmals sehr emotionale und egozentrierte Meinungsäußerungen.

Die Kunst des Debattierens hat gerade im angelsächsischen Raum eine lange Tradition. So gründete die University of Cambridge in Großbritannien bereits 1815 den ersten Debattierclub, in den USA gehört „Debating“ zur Schulausbildung.

Seit Anfang der 1990er Jahre hält „Debating“ Einzug in deutsche Hochschulen, angefangen mit der von einigen Studierenden an der Eberhard Karls Universität Tübingen gegründeten Tübinger Debatte. Mittlerweile finden sich an den Hochschulstandorten im deutschsprachigen Raum über 60 Debattierclubs. Auch an der Hochschule Fulda kommt immer wieder das Thema auf, einen Debattierclub ins Leben zu rufen.

Für alles gibt es eine Zeit, sagt man, und vielleicht ist es gerade eine gute Zeit für einen Debattierclub auch an der Hochschule Fulda.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.